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ANKAA NIKA

PERSPEKTIVE DEMENZ · FACHIMPULS

Gute Haltung allein reicht nicht

Warum personzentrierte Demenzpflege tragfähige Strukturen braucht

Wenn personzentrierte Pflege gelingt, wirkt sie manchmal beinahe selbstverständlich: Ein Mensch wird nicht gedrängt, sondern abgeholt. Eine Pflegehandlung beginnt nicht mit dem Zeitplan, sondern mit einem Blick, einer Erklärung, einem Moment des Vertrauens.

Doch solche Augenblicke entstehen nicht allein dadurch, dass einzelne Mitarbeitende besonders einfühlsam sind. Sie brauchen Bedingungen, unter denen Beziehung überhaupt möglich bleibt.

Eine 2026 veröffentlichte qualitative Metasynthese im Fachjournal BMC Nursing hat 21 Studien zur Umsetzung personzentrierter Demenzpflege in Langzeitpflegeeinrichtungen ausgewertet. Die Forschenden identifizierten 49 Einflussfaktoren: 30 Barrieren und 19 fördernde Bedingungen. Die zentrale Erkenntnis ist deutlich: Zwischen dem anerkannten Anspruch und dem tatsächlichen Pflegealltag liegt kein reines Haltungsproblem. Personzentrierung wird von Mitarbeitenden, Teams, Führung, Organisation und Versorgungssystem gemeinsam ermöglicht - oder erschwert.

Wenn der Ablauf stärker wird als der Mensch

Pflege findet nicht im luftleeren Raum statt. Zeitdruck, wechselnde Zuständigkeiten, Lärm, starre Routinen, fehlende Reflexionsmöglichkeiten und widersprüchliche Informationen prägen jede Begegnung.

Ein Mitarbeiter kann wissen, dass eine Bewohnerin vor der Körperpflege Ruhe und eine verständliche Ankündigung braucht. Wenn der Arbeitsablauf dafür jedoch keinen Raum lässt, bleibt dieses Wissen möglicherweise ohne Wirkung. Eine Kollegin kann erkennen, dass Abwehr Ausdruck von Schmerz, Angst oder Scham sein könnte. Wenn es aber keine gemeinsame Fallbesprechung gibt, bleibt ihre Beobachtung persönliches Wissen und wird nicht zur gemeinsamen Handlung des Teams.

Das ist keine Entschuldigung für respektloses Verhalten. Es ist eine notwendige Erweiterung der Verantwortung: Neben der persönlichen Haltung müssen wir auch die Bedingungen betrachten, unter denen Menschen arbeiten und gepflegt werden.

Österreichische Empfehlungen bestätigen diese Verantwortung

Die Orientierungshilfe „Demenzkompetenz im Pflegeheim“ der Gesundheit Österreich GmbH richtet sich ausdrücklich an Führungs- und Entscheidungspersonen. Sie betont, dass Beziehungsgestaltung ein zentraler Bestandteil der Pflegequalität ist und dass Strukturen, Prozesse, Abläufe und Umgebung an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz angepasst werden müssen.

Besonders wichtig sind dabei:

Die österreichische Demenzstrategie „Gut leben mit Demenz“ geht in dieselbe Richtung: Personzentrierte Kommunikation, individuumzentrierte Bedarfserhebung, Qualitätsstandards und demenzgerechte Versorgungsangebote gehören zusammen.

Personzentrierung muss im Alltag erkennbar werden

Ein Leitbild allein verändert noch keine Begegnung. Entscheidend ist, ob sich die Haltung in kleinen, beobachtbaren Dingen zeigt:

Personzentrierte Pflege beginnt in der Beziehung. Nachhaltig wird sie aber erst, wenn die Organisation diese Beziehung schützt.

Welche Fragen Forschung in der Langzeitpflege stellen sollte

Auch Forschung muss an dieser Lebenswirklichkeit ansetzen. Eine Scoping Review von Connelly und Kolleg:innen bündelt Forschungsprioritäten, die für Demenzpflege in Langzeitpflegeeinrichtungen relevant sind. Häufig genannte Themen sind die Gestaltung der Versorgung, körperliche Gesundheit, psychische und Verhaltenssymptome, Entscheidungsfindung, die Qualifikation der Mitarbeitenden und Begleitung am Lebensende. Lebensqualität zieht sich dabei als übergreifendes Ergebnis durch viele Themen.

Für den Pflegealltag heißt das: Wir fragen nicht nur, ob eine Maßnahme wirkt. Wir fragen auch, für wen sie passt, welche Bedingungen im Team sie braucht und woran die Person selbst erkennen lässt, dass sich etwas verbessert hat.

Kleine Veränderungen sind möglich

Nicht jede Einrichtung kann sofort mehr Personal einstellen oder alle Abläufe neu gestalten. Dennoch können kleine strukturelle Schritte viel bewirken:

Einmal wöchentlich 15 Minuten für eine konkrete Fallsituation. Eine einzige gemeinsame Frage: Was könnte dieser Mensch uns mit seinem Verhalten mitteilen? Eine kleine Veränderung, die das Team ausprobiert. Und in der nächsten Woche die ehrliche Prüfung: Was hat geholfen? Was nicht? Was haben wir über die Person gelernt?

So wird aus einem guten Gedanken eine gemeinsame Praxis.

Unsere Perspektive

Bei ankaanika.at | Perspektive Demenz suchen wir nicht zuerst nach Schuldigen. Wir fragen nach dem, was Menschen mit Demenz und jene, die sie begleiten, wirklich brauchen.

Gute Pflege entsteht nicht allein im guten Willen eines einzelnen Menschen. Sie entsteht dort, wo Fachwissen, Beziehung und Organisation einander tragen.


Fachliche Grundlagen

1. Zhang G, Wang D, Xia T, Cheng Y, Liu L. Barriers and facilitators to implementing person-centered dementia care in long-term care facilities: a qualitative meta-synthesis. BMC Nursing, 2026 (online veröffentlicht am 7. Oktober 2026). https://doi.org/10.1186/s12912-026-05464-4 ↗

2. Gesundheit Österreich GmbH. Demenzkompetenz im Pflegeheim - Eine Orientierungshilfe für Führungskräfte. 2020. https://broschuerenservice.sozialministerium.gv.at/Home/Download?publicationId=736 ↗

3. Österreichische Demenzstrategie. Gut leben mit Demenz - Handlungsempfehlungen. https://demenzstrategie.at/wirkungsziele/alle-handlungsempfehlungen-im-ueberblick ↗

4. Guan X et al. Barriers and facilitators to implementing person-centred dementia care in long-term care facilities in Western and Asian countries: a scoping review. Frontiers in Psychiatry, 2025. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1523501 ↗

5. Connelly JP, Fitzpatrick R, Müller N, Smith V, Leroi I. Research Priorities Relevant to Dementia Care in Long-Term Care Facilities: A Scoping Review of Dementia Research Priority-Setting Exercises. Journal of the American Medical Directors Association, 2026; 27(9):106405. https://doi.org/10.1016/j.jamda.2026.106405 ↗